Eva Schwab | Texte >>>>>>>>>>>>>>>english version

Wolf Singer
Direktor Emeritus am Max‐Planck‐Institut für Hirnforschung

 

 

Wie es ist, wenn es war hat Eva einmal getitelt und damit auf die kürzest mögliche Formulierung gebracht, was sie umtreibt und ihr künstlerisches Schaffen über viele Jahre hinweg geprägt hat: Die Fragen, wie sich Gegenwärtiges und biografische Erinnerungen zueinander verhalten, wieweit die Selbstwahrnehmung und der Blick auf die Welt von Herkunftsprägungen befreit werden können, ob dies überhaupt Bedingung ist für Identität und Beisichsein oder ob sich Geschichte und Gegenwart nicht doch so verweben lassen, dass ein Teppich entsteht, dem lebenslang immer neue Muster hinzugefügt werden können – bis er dann an die Nachgeborenen weitergereicht wird, die ihn ihrerseits nicht vollenden werden.

Wenn Eva Fotografien übermalt, den scheinbar objektiven Zeugnissen der Vergangenheit ihren heutigen Blick aufprägt, dann vollzieht sie einen Prozess, den wir unbewusst jedes Mal durchlaufen, wenn wir erinnern. Bei jeder Erinnerung werden die Gedächtnisspuren des abgerufenen Inhalts labilisiert und müssen anschließend wieder neu eingeschrieben werden. Dies nimmt viele Stunden in Anspruch und erfolgt jetzt im Kontext des gegenwärtigen Erlebens. Die erinnerten Spuren werden in neue Zusammenhänge eingebettet und wieder abgelegt – bis zum nächsten Mal. Die Folge ist, dass wir unsere Biografien ständig umschreiben und an unseren gegenwärtigen Blick anpassen. Wir legen uns unsere Geschichte und damit unser Selbstbild zurecht. Genau das meint Eva, wenn sie mit ihren Wachsbildern sagt, wie es ist, wenn es war. Auch dass sie dabei Wachs als Malgrund wählt, ist wohl kein Zufall. Ist es doch das Material der verlorenen Form, das sich immer dann verflüchtigt, wenn etwas in Bronze gegossen und für ewige Zeiten festgeschrieben werden soll.

In den letzten Jahren hat sich jedoch Wesentliches verändert. Die übermalten Vergangenheitsbilder sind seltener geworden. Die neuen Bilder entfalten sich ohne Vorlagen, sind befreit von Vorgaben, auch wenn die Motive das Vergangene nicht leugnen.
Mir scheint, es ist Eva gelungen, die Vergangenheit, ihre Vergangenheit, in den übermalten Erinnerungsbildern mit der Gegenwart zu versöhnen, den Ballast abzuwerfen und jetzt den Geschichtsteppich in die Zukunft zu weben.
Das Augenmerk gilt nicht mehr nur dem, was war, sondern dem Erwarteten, dem, was bevorsteht, den Spuren des Alterns, dem Verfall, den vom Leben gezeichneten Menschen. Der an der Studie der Bedingtheit eigener Geschichte geschärfte Blick wendet sich jetzt nach außen, sieht die Abgründe und Verwerfungen außerhalb der eigenen Geschichte. Die Serie der Hysterikerinnen und die Porträts der alten Frauen belegen eindrucksvoll diesen Sprung aus der eigenen Geschichte in die projizierte Zukunft der Anderen.

Und nach diesem Ausflug in die Antithese der Rückwärtsschau kommt Eva zurück, dorthin, wo allein entstehen kann, was sie uns hier zeigt – an den Ort, wo sich Vergangenheit und Zukunft begegnen, wo das Eigentliche seinen Sitz hat, das nur ist, weil so vieles war.
Eva ist in der Gegenwart und bei sich angekommen und was sie da sieht und zusammenfügt, gleicht visionären Wunderkammern. Aber es sind nicht die Sammelsurien-Wunderkammern, in denen Kuriosa aus anderen Kulturen asserviert werden – hier greifen Symbole, unsere allgegenwärtigen Symbole für das, was ist und war, ineinander und lassen ein Beziehungsgeflecht entstehen, das sich rationaler Beschreibung widersetzt, das erspürt werden muss. Unfassbare Gebilde, vergleichbar vielleicht den sich immer aufs Neue und unwiederholbar verwebenden Wellenmustern von Ozeanen.

Wir begegnen den Mythen der Wiedergeburt, des schon einmal Gewesenseins – irgendwo tief im Inneren weiß das Unbewusste von diesem Erbe, das uns alle verbindet. Schöpfungsmythen sprechen von Urmüttern. Heute reden wir von kollektivem Bewusstsein oder morphogenetischen Feldern oder esoterischen Panpsychismen – gemeint sind damit unsere gemeinsamen Wurzeln.

Die neuen Bilder werden immer komplexer, halten unserer ungeordneten Welt den Spiegel vor, assoziieren nur scheinbar Unverbundenes, fügen der vorgefundenen eine Welt hinzu, deren Wirklichkeit sich fotografischer Dokumentation entzieht.
Jetzt stehen alte Mythen neben Metaphern für abstrakte wissenschaftliche Konzepte, unheimliche Kräfte und die Fortschrittseuphorie einer technologisierten Zivilisation. Verletzungen und Einsamkeit werden sichtbar.

 

Einführungsrede zur Ausstellung “Hippokamp”,  Oberfinanzdirektion Frankfurt am Main, 2014
1 Title eines Songs der Band New Order