Eva Schwab | Texte >>>>>>>>>>>>>>

Interview mit Eva Schwab:

Frage: Eine der ganz neuen Arbeiten der »Pauline´s Zopf« wird momentan in der aktuellen Ausstellung des MalerinnenNetzwerkes im MdbK (Museum der bildenden Künste Leipzig) gezeigt. Von weitem sieht er aus wie eine monumentale Skulptur (siehe S. XX), aus der Nähe betrachtet entpuppt sich der Zopf aber als ein neugeflochtener Teppich. Ich muss bei Teppichen momentan immer an die Künstlerinnen am Bauhaus denken, die ja nur in der Weberei arbeiten durften. Abgeschnittene Zöpfe, neugewebt? Mit dem Zopf reißt Du ein Gewebe kaputt. Du zerstörst und verknüpfst neu. 

 E.S.:

Ich würde eher sagen, ich bewahre und verwandele, gebe ein neues Gewand. Dieser geerbte Lieblingsteppich meines Großvaters war eigentlich nicht mehr zu retten als ich ihn aus dem Keller in die Sonne schleppte, mottenzerfressen, staubig, stockfleckig, fadenscheinig, mit all seinen Abdrücken, Abrieben, stillen Erlebnissen und Geheimnissen. Zeuge vieler Generationen, Wanderer, Diener, schutz-gebender, war mir diese Reliquie meiner Kindheit, Pubertät und erwachenden Körperlichkeit ein zu bewahrender Schatz, doch nicht mehr in seiner augenscheinigen Form. Die Mottenstrassen gaben mir die Marschroute an, ich begann ihn in Streifen zu zerreissen, ein Sakrileg. Der mühevollen Kraftakt des Zerreissens, ein Befreiungs-und Entbindungsakt. Die zerfetzen Streifen, zusammengenäht wie bei einer Notsectio , gewaschen, sonnengetrocknet und zusammengeflochten zu einer riesigen Nabelschnur oder Himmelsleiter brachten diesen über 6 meter langen Zopf hervor, der nun vertikal schwebend, eine Verbindung nach oben, zur Dachluke, ermöglicht. Oft hatte ich zuvor Pauline , ehemals Paulinchen, die Ungehorsame, die Brandsifterin, die trotz aller Katzen-jammer-Warnungen mit den Zündhölzer spielte, mit ihrem schweren, sie nach unten ziehenden Zopf gemalt. Sie zerreisst sich nun ihr Hemd zur Befreiung, jetzt schnitt sie sich auch noch ihren Zopf ab. Die Haare, die sie seit ihrer Kindheit trug. Ein Neuanfang und Rettungsstrang. Das ist Pauline´s Zopf.  

Frage: Du arbeitest auf unkonventionellen Materialien und Malgründen. Viele der Bilder sind auf dünnen Baumwollstoffen gemalt. Neuere Werke gehen auch in den Raum über, beispielsweise das Zelt in der Ausstellung „Fisematent“. Welche Rolle spielt Stoff als Material in Deiner Arbeit?

E.S.:

Je dünner der Stoff, desto membranähnlicher die Haut-Anmutung. Wachsdurchtränkt erhält der Feinstoff eine pergamentartige Struktur, auf die sich Malerei, Tätowierung, Narbe, Wunde und Vision zu einem neuen Bild vereinen läßt. Die Dünnhäutigkeit meiner Bilder entspricht der Durchlässigkeit von Außen und Innen, der Perforation und Transpiration.  So sind meine Bilder durchscheinend, transparent und immer von beiden Seiten zu betrachten. Ach wenn sie „nur“ an der Wand hängen.

Im Raum nehmen sie skulpturale Gestalt an; Irrgärten, Vorhänge, Jurten und Unterröcke. Ein wehender Kosmos.

 

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Wolf Singer
Direktor Emeritus am Max‐Planck‐Institut für Hirnforschung

 

 

Wie es ist, wenn es war hat Eva einmal getitelt und damit auf die kürzest mögliche Formulierung gebracht, was sie umtreibt und ihr künstlerisches Schaffen über viele Jahre hinweg geprägt hat: Die Fragen, wie sich Gegenwärtiges und biografische Erinnerungen zueinander verhalten, wieweit die Selbstwahrnehmung und der Blick auf die Welt von Herkunftsprägungen befreit werden können, ob dies überhaupt Bedingung ist für Identität und Beisichsein oder ob sich Geschichte und Gegenwart nicht doch so verweben lassen, dass ein Teppich entsteht, dem lebenslang immer neue Muster hinzugefügt werden können – bis er dann an die Nachgeborenen weitergereicht wird, die ihn ihrerseits nicht vollenden werden.

Wenn Eva Fotografien übermalt, den scheinbar objektiven Zeugnissen der Vergangenheit ihren heutigen Blick aufprägt, dann vollzieht sie einen Prozess, den wir unbewusst jedes Mal durchlaufen, wenn wir erinnern. Bei jeder Erinnerung werden die Gedächtnisspuren des abgerufenen Inhalts labilisiert und müssen anschließend wieder neu eingeschrieben werden. Dies nimmt viele Stunden in Anspruch und erfolgt jetzt im Kontext des gegenwärtigen Erlebens. Die erinnerten Spuren werden in neue Zusammenhänge eingebettet und wieder abgelegt – bis zum nächsten Mal. Die Folge ist, dass wir unsere Biografien ständig umschreiben und an unseren gegenwärtigen Blick anpassen. Wir legen uns unsere Geschichte und damit unser Selbstbild zurecht. Genau das meint Eva, wenn sie mit ihren Wachsbildern sagt, wie es ist, wenn es war. Auch dass sie dabei Wachs als Malgrund wählt, ist wohl kein Zufall. Ist es doch das Material der verlorenen Form, das sich immer dann verflüchtigt, wenn etwas in Bronze gegossen und für ewige Zeiten festgeschrieben werden soll.

In den letzten Jahren hat sich jedoch Wesentliches verändert. Die übermalten Vergangenheitsbilder sind seltener geworden. Die neuen Bilder entfalten sich ohne Vorlagen, sind befreit von Vorgaben, auch wenn die Motive das Vergangene nicht leugnen.
Mir scheint, es ist Eva gelungen, die Vergangenheit, ihre Vergangenheit, in den übermalten Erinnerungsbildern mit der Gegenwart zu versöhnen, den Ballast abzuwerfen und jetzt den Geschichtsteppich in die Zukunft zu weben.
Das Augenmerk gilt nicht mehr nur dem, was war, sondern dem Erwarteten, dem, was bevorsteht, den Spuren des Alterns, dem Verfall, den vom Leben gezeichneten Menschen. Der an der Studie der Bedingtheit eigener Geschichte geschärfte Blick wendet sich jetzt nach außen, sieht die Abgründe und Verwerfungen außerhalb der eigenen Geschichte. Die Serie der Hysterikerinnen und die Porträts der alten Frauen belegen eindrucksvoll diesen Sprung aus der eigenen Geschichte in die projizierte Zukunft der Anderen.

Und nach diesem Ausflug in die Antithese der Rückwärtsschau kommt Eva zurück, dorthin, wo allein entstehen kann, was sie uns hier zeigt – an den Ort, wo sich Vergangenheit und Zukunft begegnen, wo das Eigentliche seinen Sitz hat, das nur ist, weil so vieles war.
Eva ist in der Gegenwart und bei sich angekommen und was sie da sieht und zusammenfügt, gleicht visionären Wunderkammern. Aber es sind nicht die Sammelsurien-Wunderkammern, in denen Kuriosa aus anderen Kulturen asserviert werden – hier greifen Symbole, unsere allgegenwärtigen Symbole für das, was ist und war, ineinander und lassen ein Beziehungsgeflecht entstehen, das sich rationaler Beschreibung widersetzt, das erspürt werden muss. Unfassbare Gebilde, vergleichbar vielleicht den sich immer aufs Neue und unwiederholbar verwebenden Wellenmustern von Ozeanen.

Wir begegnen den Mythen der Wiedergeburt, des schon einmal Gewesenseins – irgendwo tief im Inneren weiß das Unbewusste von diesem Erbe, das uns alle verbindet. Schöpfungsmythen sprechen von Urmüttern. Heute reden wir von kollektivem Bewusstsein oder morphogenetischen Feldern oder esoterischen Panpsychismen – gemeint sind damit unsere gemeinsamen Wurzeln.

Die neuen Bilder werden immer komplexer, halten unserer ungeordneten Welt den Spiegel vor, assoziieren nur scheinbar Unverbundenes, fügen der vorgefundenen eine Welt hinzu, deren Wirklichkeit sich fotografischer Dokumentation entzieht.
Jetzt stehen alte Mythen neben Metaphern für abstrakte wissenschaftliche Konzepte, unheimliche Kräfte und die Fortschrittseuphorie einer technologisierten Zivilisation. Verletzungen und Einsamkeit werden sichtbar.

 

Einführungsrede zur Ausstellung “Hippokamp”,  Oberfinanzdirektion Frankfurt am Main, 2014
1 Title eines Songs der Band New Order